Ruth Kornberger

Kurzgeschichten - Short Stories


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Der Treppenmarathon


im DSFO (Deutsches Schriftstellerforum), 2011.
Das DSFO hat die Postkartenprosa erfunden. Das ist Prosa, die auf eine Postkarte passt (oder beinahe).

Postkarte


Abgetippte Version:

„Entspann dich“, sagt seine Frau. „Wir sind im Urlaub.“
Die Art, wie sie dabei in ihren Pappbecher lächelt, findet er unfair. Er selbst hat nichts, an dem er sich festhalten kann. Die Ärzte haben ihm Kaffee verboten.
Sie wollten ihm auch das Handy wegnehmen, aber dagegen hat er sich gewehrt - wenn schon Zwangspause, dann wenigstens erreichbar. Doch bis jetzt kam kein Anruf. Was tun die in der Firma„ Er wird alle Fehler ausbügeln müssen, die Bitterhof macht. Wenn Bitterhof keine Fehler macht, wäre das allerdings noch schlimmer.
Seine Frau dümpelt in den Manhattaner Passantenströmen, wie ein führerloses Floß in einer Fahrrinne für Schnellboote. Seit zwei Stunden folgt er ihrem willkürlichen Kurs, in der Zeit hätten sie locker ein Museum abhaken können.

Schon wieder stoppt seine Frau an einer Zeitungsbude. Schweißperlen stehen ihm auf der Stirn. Er stellt sich vor den Eingang des nächsten Hochhauses, um etwas klimatisierte Luft abzukommen. Damen in Trainingsbekleidung eilen an ihm vorbei durch die Glastür. Überrascht sieht er ihnen hinterher und wird angerempelt. Er will Platz machen, aber nachkommende Menschen drängen ihn ins Foyer. Das ist voller Sportler. Bevor er fragen kann, was hier veranstaltet wird, ertönt ein Pfiff und alle um ihn herum spurten gleichzeitig auf das Treppenhaus zu. Er kann gar nicht anders, als sich mitschieben zu lassen.
Eine Feuerschutztür bildet ein Nadelöhr; auf den Stufen dahinter ist mehr Platz. Angesteckt von der Energie der anderen, nimmt er zwei auf einmal, nach dem Schlendern mit seiner Frau tut das gut. „5th summer tower run“, liest er unter den Startnummern der Läufer. Ein Treppenmarathon, davon hat er gehört.

Das schwere Frühstück ist eine schlechte Grundlage, im sechsten Stock bekommt er Seitenstechen. Er drosselt das Tempo, achtet auf seine Technik, benutzt die Arme, um sich am Geländer hochzuziehen. Im zehnten Stock sieht er die ersten Teilnehmer abbrechen. Das gibt ihm Schub. Auch ohne Vorbereitung ist er besser als die! Auf dem Absatz des zwanzigsten Stocks schneidet er einen älteren Mann und gelangt an die Innenseite der Treppe. Wie viele Etagen sind es? Vielleicht ist es besser, das nicht zu wissen. Seine Beine scheinen zu glühen, zu brennen, zu schmelzen. Doch immer wieder der Triumph, jemanden hinter sich zu lassen.
Mit den Fäusten auf den Knien erreicht er das Dach. Zeitnehmer und Fotografen. Wasser und Schokolade. Himmel.

Das Handy klingelt, seine Tochter ist dran. Sie will wissen, wie ihnen New York gefällt.
„Ich habe gerade an einem Treppenmarathon teilgenommen“, keucht er. „Und gefinished!“
„Warum machst du so etwas?“, fragt seine Tochter.
Er sieht hinab in die Häuserschluchten.
„Papa?“, setzt sie nach. „Ist alles in Ordnung?“
Sie klingt besorgt, denkt wohl, er sei zusammengesackt, eine Hand am Herz, unfähig zu sprechen.
Aber sie irrt. Er versteht nur die Frage nicht.